Das individuelle Begräbnis – Eine „Lüge“ in 3 Akten

Aktualisiert: 25. Feb.


Die Geschichte vom individuellen Begräbnis beginnt in der Zeit, als Worthülsen im Alltagsleben begonnen haben, die wirklichen Bedeutungen abzulösen. Es war eine Zeit, in der Marketing im Bestattungswesen noch jung war und Standards wie Klassenbegräbnisse gerade begannen der Vergangenheit anzugehören. Es ist eine Geschichte, die ebenso wahr ist, wie das 0815 unserer seit Jahrzehnten gelebten Bestattungskultur.

Es ist eine Geschichte die jedem egal ist, der ein Begräbnis „möglichst billig“, "wie sich's g'hört", „hinter sich bringen möchte“.

Und sie beginnt, wo alles endet - mit dem Tod.


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1. Akt – Der gereichte Strohhalm


Herr und Frau K(unde) sind ein Paar mittleren Alters. Frau K`s Mutter war seit Jahren krank und die beiden erwarteten, dass ihr Leben schon bald zu Ende kommen würde. Gestern Abend schlief Frau K`s Mutter für immer ein. Trotzdem die beiden Zeit hatten sich auf diesen Tag vorzubereiten, sind sie doch von der Endgültigkeit ihrer Situation überrascht. An die Stelle von Besuchen im Krankenhaus und Überlegungen, wie das Leben der alten Dame medizinisch zu verlängern wäre (Frau K hatte in den letzten Jahren bändeweise medizinische Bücher im Internet konsultiert und für ihre Mutter Spezialisten ausfindig gemacht), treten nun Besorgungen und Verpflichtungen, die für das Ehepaar K völlig neu sind. Ihnen ist klar, sie brauchen einen Bestatter. Glücklicher Weise erhalten sie vom Seniorenheim einen Zettel mit Informationen und den Kontakt zur „hauseigenen“ Bestattung.

 

2. Akt – Du sollst, du kannst, du musst


Herr und Frau K bemerken sehr schnell, wie sich ihr Leben verändert. Zeit um über ihre Gefühle zu sprechen, haben sie kaum. Auch ein wirkliches Zusammensetzen mit ihrer Familie müssen sie ausschlagen. Zu viele Termine stehen in den nächsten Tagen an. Ein Telefonat über das Nötigste muss reichen. Sie müssen abmelden und umbestellen, kontaktieren und in Kästen und Dokumentenordnern suchen. Die Bank benötigt einen Vormittags-Termin, da die kleine Filiale im Ort nur mehr halbtags besetzt ist. Auch der Notar, der Steinmetz, die Friedhofsverwaltung, der Gärtner und das Rathaus warten mit persönlichen Terminen auf das Paar K.


11 Tage vor dem Begräbnis haben sie ihren Termin bei der Bestattung. Die überaus zuvorkommende Dame hatte ihnen schon am Telefon erklärt, welche Dokumente sie mitbringen sollen. Sie führt sie nun in 120 Minuten durch alle Schritte ihres Kataloges. In Bearbeitungsmasken am PC werden Hakerl gesetzt und Daten in vorgefertigte Formulare eingefügt. So entstehen auch gleich die Parten und Gedenkbilder. Alles ist übersichtlich und effizient; Bilder und Schriftarten frei wählbar. Sogar das Holz vom Sarg ist in derselben Farbe wie Mama`s Sitzecke bestellbar und nebst der schönen alten Kirchenorgel, spielt die Bestattung per Tonsäule ein Stück von der Lieblings-CD der Verstorbenen. Doch als es um die weitere Gestaltung der Trauerfeier geht, bekommt das Paar Bedenken. „Die Mama war keine große Kirchengeherin. Aber einen Priester brauchen wir schon, oder? Was würde denn ihre Freundin die Frau Nachbarin sagen, wenn da gar keiner wäre?“, beratschlagt Frau K mit ihrem Mann. Und auch Herr K findet, dass eine Trauerfeier so ganz ohne Ablauf und Ritus sich einfach leer anfühlen würde. Von einem Trauerredner, den man ihnen vorschlägt, haben sie schon etwas gehört. So einer war beim Begräbnis eines Freundes. „Das war so persönlich“ hat Herr K`s Kollege berichtet. "Dem schreibt man ein paar Informationen zusammen, spricht mit ihm am Telefon „..und der macht das dann schon“, erfahren die beiden. Es wird sich jemand bei ihnen melden.

 

3. Akt - Das Erwachen

Habe ich dich jetzt lange genug eingelullt? Ja ich weiß, es ist richtig böse so mitten in der Geschichte abzubrechen. Hat alles geklappt? Wo bleibt das Happy End mit dem „schönen Begräbnis“? Und wo ist die düstere Seite dieser Geschichte, die du dir bei der von mir gewählten Überschrift erwartet hast?


Die beiden waren eigentlich auf einem richtig guten Weg, ein würdiges und erwartungsgemäßes Begräbnis auszurichten. Genau so erleben es tagtäglich hunderte Familien in unseren Breitengraden.


Und wer könnte sagen, dass ihr Erlebnis nicht wünschenswert für einen jeden trauernden und in dieser Zeit sicherlich überforderten Hinterbliebenen wäre? Gerade die Konformitäten unserer Geschichte gaben ihnen in Entscheidungssituationen Halt und sie konnten persönliche Werte in den Tag des Abschiedes einfließen lassen. Niemand könnte sagen, sie hätten nicht alles erledigt.


Und doch habe ich dir alle Warnhinweise in diese Geschichte hineingeschrieben, wo der Weg dieser Beiden zu wirklicher Individualität in der Gestaltung des Begräbnisses der Mama hätte abbiegen können. Du hast sie nicht bemerkt? Das Ehepaar K(unde) auch nicht.


Wahrscheinlich hätten sie sogar über ihr Begräbnis nachher gesagt: “Das war schön“. Doch in Wirklichkeit war es nur erwartungsgemäß. Sozusagen 0815: lies hier darüber nach. Entlang von Abläufen und Grenzen anhand derer sie sich haben führen lassen und bewegen mussten. Alles hatte für sie eine vorgegebene Form mit den Auswahlmöglichkeiten an den vorbestimmten Stellen.


Die beiden hätten ein Begräbnis als solches auch nicht erkannt/akzeptiert, wenn man es ihnen anders angeboten/verkauft hätte. Sie hatten keinen Vergleich. Woran hätten sie entscheiden sollen, was ihnen lieber gewesen wäre, wenn sie diese Alternativen gar nicht hatten/kannten/bekamen?

In ihren 11 Tagen hatten sie keine Zeit wirklich über das „Was macht ein Begräbnis zu einem schönen Begräbnis“ nachzudenken. Die Allerwenigsten denken vorher daran. Und jemand der gar nicht auf die Idee kommt, dass ein Begräbnis "schön" (gut tuend) sein kann, wird nie nach einem solchen fragen. Warum sollte man es ihm mit Zeitaufwand anbieten, wenn es auch mit "business as usual" geht. Den Meisten bleibt dann nur das Danach. Um sich selbst zu bestätigen: "war's schön?" „ja“ oder “nein“. Und wenn man dafür Geld ausgegeben hat, sagt man auch schon mal lieber: “war eh gut“.


Begräbnisse werden daher in Wirklichkeit mehr konfektioniert anstatt individualisiert. Den Unterschied kannst du in meinem Blog bald nachlesen.

Wir werden vom „mehr an Auswahl als erwartet, aus größerem als uns bekanntem Angebot“ auf die falsche Fährte geleitet.


Und hätten die beiden auch noch im Internet gesucht und gelesen, sie hätten 100x das Wort „individuell“ neben dem Wort Begräbnis gefunden.

Was ist dann wirklich individuell?

in·di·vi·du·ell

/individuéll/

Adjektiv

  1. 1a.

auf das Individuum, auf einzelne Personen oder Sachen, ihre speziellen Verhältnisse o. Ä. zugeschnitten, ihnen entsprechend

 

Tipp:

Ich gebe dir ein Beispiel:

Die Aufbahrung in der Tennishalle

An einem Freitag im Jänner 2022 habe ich einen Mann verabschiedet, der sich sein Begräbnis selbst ausgesucht hat. Es war so ganz anders als „gewöhnlich“. Und an seiner Nonkonformität möchte ich dir zeigen, wie weit Individualisierung zu reichen vermag.

Er war leidenschaftlicher Tennisspieler und hat es geliebt in dem nahe der Tennishalle gelegenen Teich nach seinen Matches schwimmen zu gehen. Er liebte generell das Wasser und war zum Ausgleich von Sport und Alltag, ein ruhesuchender Fischer. Seine Frau hat ihm für die Trauerfeier Lieder aus Ihrem Chor ausgesucht. Er war ihr brennendster Fan, obwohl er sonst eher Musikbanause war. Abends saßen sie oft in der Kantine des Tennisvereins oder luden Freunde und Familie zu sich nach Hause ein um Karten zu spielen. Er hatte dort im Keller einen eigenen Raum für seine Bastelprojekte und wünschte sich, dass seine Asche zu einem Teil in diesem „seinem“ See verstreut werde. Für den Rest wählte seine Frau eine Fischer-Urne, die nun, wie er es wollte, in seinem Hobby-Raum auf seiner alten Werkbank steht.


Ich glaube die Bilder „seines Begräbnisses“ sprechen für sich selbst:


Nein, das individuelle Begräbnis hat nichts mit möglichst "ausgeflippt und ungewöhnlich" zu tun. Es ist nicht Pomp und Trara und wider jeder gesellschaftlichen Norm. Es ist die Antwort auf die Frage, die kein Ahnungsloser zu stellen vermag: "Was macht ein Begräbnis zu einem schönen?" Dem Ahnungslosen bleibt nur der Strohhalm, an den er sich klammern kann. Den man ihm hinlegt und verkauft.


Begräbnisse können so viel mehr sein: liebevoll, gut tuend, erinnernswert,..

Sei nicht ahnungslos! Mach dich zu einem emanzipierten Kunden im Thema Begraben und Bestatten. Hier bist du auf dem richtigen Weg.


„Alles Gute“ dabei!


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