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Nachteile der Naturbestattung

Aktualisiert: 29. Nov. 2023

Naturbestattungen liegen voll im Trend. Doch wer auf diesen Wagen aufspringt, sollte auch die oft nicht sofort mit-erahnten oder so deutlich-erwähnten Hürden dieser Bestattungsformen kennen.


Natürlich mutet ein Wald, See oder Fluß als Ort des "natürlichen Kreislaufes der Natur" gleich ganz anders an als ein kahler betonierter städtischer Friedhof.

Für Viele gerät die Idylle aber schon bei der Planung des Begräbnisses auf diesen Bestattungsflächen schnell in den Hintergrund; geht es Vordergründig doch meist um Kosten- und Aufwandsersparnis.

An logistische Probleme, die diese neuen Bestattungsvarianten aufwerfen, wird meist nicht im Vorfeld gedacht.


Trauernde Frau mit Urne auf Parkbank Lichtung Wald

Ein Wald oder Fluß ist kein Friedhof


Während gerade dies für manche als ein sehr reizvoller Aspekt erscheint...:

  • wenn meine Kinder mich dann besuchen kommen, machen sie einen schönen Spaziergang im Wald

  • da hat dann keiner eine Arbeit mit dem Garb

  • diese ganzen betonierten Grabanlagen sind so unnatürlich

  • da liegen alle so eng, wie die Sardinen in der Dose

  • im Wald ist alles BIO

...entstehen die ungeahnten Probleme meist noch vor dem Tag der Beisetzung.


Das Problem "Wo ist das Grab?"


Zunächst aber wirst du das Grab einmal suchen müssen. Auf Naturbestattungsflächen wird Wert auf "das ist kein Friedhof gelegt". Du wirst mancherorts Informationstafeln suchen müssen wo denn genau "die Begräbnisbäume" beginnen/enden. Auch Namensschilder sind in Wäldern der Ewigkeit verpönt und Grabschmuck meist generell verboten (wird entfernt). Der Wald soll Wald bleiben - also keine Engerl, Lamperl, Lichterl und auch keine Bilder.. Auch Blumendeko ist nicht erwünscht. Und da in die Bäume keine (12) Namensschilder genagelt werden, gibt es meist nur eine Plakette mit Nummer.


Hast du geglaubt der Baum gehört dir ganz alleine? Bis zu 12 Liegeplätze werden um manche Bäume vergeben: da drängen sich dann die benachbarten Urnen wie die Sardinen (sogar enger als Särge am Friedhof).


„Ähh, das hat beim letzten Mal aber nicht so ausgesehen hier?“

Ja, die Meisten unterschätzen die sich im Laufe der Jahreszeiten durch Blatt- und Buschwuchs verändernde Optik rund um den ausgewählten Baum.


Und wenn du am Tag des Begräbnisses nicht dabei warst? Dann hast du hoffentlich Kontakt zu den Verwandten oder die Nummer der Verwaltung, die dir z.B. die Baum-Nummer mitteilen können.

 

Das Problem der Infrastruktur


Ich kenne genügend Friedhöfe die vor ihren Toren Parkplatzmangel haben, aber ich darf dir versichern, dass die wenigsten Naturbestattungsflächen Parkplätze für Begräbnisse mit über 50 Gästen bieten können.

Du wirst auch betonierte Wege auf denen man mit Rollator oder Rollstuhl in Richtung Grab „voran kommt“ vermissen. Schiffsanlegestellen sind meist nicht für Personen mit Gehbehinderung konzipert. Gut für diejenigen, die mit Gehhilfen gekommen sind, sie haben ihren Sitzplatz mitgebracht. Alle anderen dürfen "naturgemäß" stehen.

Auf dem Weg hin und zurück von der Grabstelle kann aber "schweres Gelände" und Wurzelbewuchs zur halsbrecherischen Stolperfalle für ältere Begräbnisgäste werden.


"Und wer sagt jetzt der Oma, dass sie nicht zum Grab in Hanglage hinkommen wird, um sich von ihrem Enkelkind ein letztes Mal zu verabschieden?"

 

Das Problem beim Grab


An der Naturgrabstelle angelangt, werden dann die örtlichen Gegebenheiten ausschlaggebend:

Am Fluß gibt es Strömung - schwupps ist Urne und nachgeworfene Blumendenko auch schon wieder aus den Augen verschwunden. Ein wirkliches "Verweilen am Grab" gibt es mitunter nicht.


Die wenigsten Bestattungen bieten eigene für Naturbestattung ausgelegte Aufbahrungsmöglichkeiten. Ich spreche von Stelen, Tischen und Säulen, die auf unebenem Waldboden oder in Hanglage ins Lot gestellt und gegen Wind und Wettergewalt verankert werden können. Im "Normalfall" steht alles am Boden, kann nicht umfallen und wird weniger leicht weggeweht. Wäre ja auch nicht auszudenken, wenn die 70cm Urnenstele umfallen und Onkel Toni in seiner Aschenkapsel aus der Urne herauskullern und sich den Hang bergab davonmachen würde.

Mangelnde Eventtechnik vor Ort (Licht, Musikanlage, Lautsprecher,...) und fehlende Logistik (Überdachung, Wetterschutz, Platz zur Kondolation, Ort zum Zusammenfinden der Gäste, Sitzgelegenheiten,..) machen das "Erlebnis Begräbnis" dann auch nicht "schöner".

 

Das Problem mit dem Wetter

Im bezaubernden grünen Märchenwald stehen/besuchen-kommen, ist bei angenehmen Temperaturen im Frühjahr oder Herbst ja schön und gut. Aber bist du gut vorbereitet, wenn deine Angehörigen im Winter versterben? Festes Wanderschuhwerk und Skiunterwäsche sind da meine Standardempfehlung. Ich habe genügend Enkelkinder bibbernd und schlotternd im Wald an Oma/Opa's Baum stehen gesehen (im schönen Kleid oder Anzug, nur um nachher im Warmen beim Leichenschmaus adrett für die Augen der Verwandtschaft gekleidet zu sein).


Holzurne im Wald Füße schöne Schuhe Angehörige

Wir sprechen da auch noch nicht von Begräbnissen mit über 100 Personen, wenn das Platzproblem rund um den ausgewählten Baum durch den natürlichen Bewuchs mit Büschen und Sträuchern schlagend wird. Schiffe, von denen aus beigesetzt wird, haben überhaupt eine maximal erlaubte Personenzahl an bord.

 

Das Problem mit der Akustik


Eine Halle hallt und auch das ist mitunter schon unangenehm (wenn ausgerechnet bei einer Aufbahrungshalle der Architekt so gar nichts von Akkustik gelernt zu haben scheint). Im Freien aber braucht es weder Wind noch Sturm um auch den typischen 40 Watt Kleinverstärker ans Ende seiner Leistungsfähigkeit im sanft rauschenden Blätterwald zu bringen.

Wer da seitens der Familie mit emotional überforderter Stimme selbst vortragen möchte, ist gut beraten um ein Mikrofon mit Windschutz (!) zu bitten.

Du brauchst also einen Bestatter, der auch technisch und logistisch auf die Herausforderungen von Naturbestattungsflächen vorbereitet und ausgestattet ist. Heute am Friedhof und morgen im Wald die 0815 Aufbahrungsgegenstände aufstellen reicht da nicht.


Akustisch sich ergänzend wirkt sich dann auch noch das generelle Bedürfnis von Begräbnisgästen aus, dem Objekt (also der Urne [also eigentlich Onkel Toni]) möglichst nicht zu nahe stehen zu wollen. Man kann das durchwegs mit dem Verhalten der Begräbnisgäste in der Aufbahrungshalle vergleichen, in der man dicht gedrängt an der Rückwand die „ich will mich nicht aufdrängen“ Bekannten stehen findet.

Und dann lasse ich noch ein paar Gewitterwolken am Waldrand auf- und einen Schneesturm durch den Tann ziehen und vorbei ist es mit der Waldidylle. Die Meisten vergessen auch, dass Wind (und natürlich auch andere Schiffahrt) Wellen erzeugt - seekrank auf einem Binnengewässer? Da wird eine Aufbahrungshalle mit geschlossenen Türen wieder richtig interessant nicht?


Und wehe du mußt im Wald aufs Klo!

 

Das Problem mit den Erwartungen


Meistens wenn ich vom Wunsch nach Naturbestattungsflächen höre, geht es um:


· die armen Kinder die mich auf dem schrecklichen Friedhof besuchen kommen müssen

· die laufenden Kosten die am Friedhof anfallen


Aber sagen wir die Tochter ist berufstätig. Die Enkelkinder wollen am Wochenende zum Sport und der Opa schafft den 3 stündigen Ausflug hin und zurück in den Waldfriedhof nicht ohne die Hilfe seiner Familie. Gerade unter der älteren Generation finden sich viele Grab-Geher, die einen Verstorbenen Lebenspartner (mitunter wöchentlich oder täglich) besuchen gehen.


Wer sagt dem Opa: "1x in 2 Monaten - mehr ist zeitlich nicht drin bei uns" ?
 

Das Problem mit den Emotionen


Gerade in unserer heutigen Gesellschaft in der viele Werte unbedacht verloren gehen und in der das Thema Tod nur allzu gerne weit von uns weggeschoben wird, sind Naturbestattungsflächen auch sehr verführerische Orte uns emotional nicht von diesen unliebsamen Themen einholen lassen zu müssen. "Schaut nicht aus wie ein Friedhof - red ma nicht über‘s G'ruslige."

Ein Grab hilft manchem einen Ort zu haben, an dem er/sie sich der Verstorbenen "nah" fühlen kann. Banal ausgedrückt: da liegt er/sie.

Im Wald (wie an der Urnenwand) heißt es man muß „abstrahieren können“. Sich also vorstellen „da, ist er/sie“ - weil eben auch die körperlichen Dimensionen einer Grabstelle fehlen.


Tipp:


Bereite deine Liebsten in Gesprächen auf ihre Trauer über einen Angehörigen (oder dich!) vor und sprich mit denen aus deinem Umfeld, die sich ein Naturbegräbnis wünschen, über die Pros und Contras, die ihre Bestattungswahl auslösen wird.


„Dort ist’s so schee, da komm ma dann öfter“

Eigentlich müßte es doch wuseln vor lauter Besuchern und Grabgängern in unseren Bestattungswäldern, die sich dank des lauschigen Blättergrüns, endlich weiland-wandernd mit leichten Herzen dem Sinnieren und Nachspüren ihrer Vorväter nachgehen.


Wieso bin ich dann immer allein, wenn ich diese Orte durchquere?

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