Kinder zum Begräbnis mitnehmen?

Ein Kind hat auf einem Begräbnis nichts verloren

Sie sind zu jung

Sie verstehen das nicht

Sie können mit diesen Gefühlen nicht umgehen

Das schädigt sie für den Rest ihres Lebens


Das sind die klassischen Antworten, die man erhält, wenn man frägt, ob trauernde „Erwachsene“ ihre Kinder mit auf das Begräbnis ihrer Verwandten nehmen.

copyright-fotoshooting-wien.at Diese Antworten spielen auf die Angst von Eltern ab „in der Erziehung ihres Kindes etwas falsch zu machen“. Man hat gehört, das würde irreparablen, lebenslänglichen Schaden auslösen, also fühlen „verantwortlich handelnde Eltern“ sich wohler ihr Kind „daheim zu lassen“.

Unsere Gesellschaft hat das Thema Tod und Trauer so weit von sich geschoben, dass wir heute nur mehr in der Endphase – wenn es bereits 2 vor 12 ist oder der Tod bereits eingetreten ist – darüber zu sprechen wagen. Wie sollten Eltern, die mitunter in dieser Phase selbst hoffnungslos überfordert von der Organisation eines Begräbnisses und ihren eigenen Gefühlen sind, auch noch ihre Kinder sattelfest auf das bevorstehende Ereignis vorbereiten?


Es ist „der leichte Entscheid“ – Du kommst nicht mit. Die Frage ist erledigt. Eine Sorge weniger.



Aber was ist mit der Trauer der Kinder? Und was ist mit dem Umstand, dass ein Begräbnis für das Wahrnehmen und Verarbeiten der eigenen Trauer eine zentrale Rolle zu spielen vermag?

Und NEIN ich spreche nicht vom klassischen 0815 Begräbnis vor dem es jedem graut! Ich würde dir sogar wirklich abraten ein Kind dorthin mitzunehmen, bzw. dir selbst mein „Beileid“ aussprechen dort dabei sein zu müssen.


Trauern will gelernt sein


WIR ALLE SIND KINDER, WENN WIR AUF FRIEDHÖFEN ZUSAMMENKOMMEN.

Ich habe viele Erwachsene kennengelernt, die mit ihrer eigenen Trauer weder umgehen können noch wollen. Manche können nicht einmal damit leben. Auch hieraus erklären sich Suicide nach Verlusten geliebter Menschen.


Und hier ist wieder Der Grund warum es diesen Blog gibt – für dich.

Damit du, wenn du auch nur irgendwie helfen kannst das Erlebnis Begräbnis (lies dazu meinen Blog) zu einem Schön und Liebevoll werden zu lassen, weißt, dass dieses Erlebnis auch Kindern gut zu tun vermag.

Wann fängt man an „an der eigenen Trauer zu lernen und zu arbeiten“?

Wer vermag das einem beizubringen?



Ich habe dir diese Woche Mag. Dagmar Bojdunyk-Rack die Geschäftsführerin von RAINBOWS-Österreich zum Interview eingeladen. RAINBOWS hat Niederlassungen in ganz Österreich und hilft Kindern und ihren Eltern nach der Trennung/Scheidung aber auch nach dem Tod eines geliebten Menschen.

Jedes Jahr nehmen in ganz Österreich rund 1.800 Kinder an den RAINBOWS-Angeboten teil. Darüber hinaus bietet RAINBOWS je nach Bundesland auch Tages- und Feriencamps, Informationsveranstaltungen, Elternberatung und Besuchsbegleitung an.


B&B: „Sollen Eltern ihre Kinder zu Begräbnissen mitnehmen?“

Es gibt keine allgemein gültige Antwort, da es immer auf das Kind und auf die Umstände ankommt. Ein Grundprinzip ist jedoch sicher, dass kein Kind gegen seinen Willen am Begräbnis teilnehmen sollte. Nimmt ein Kind teil, so muss darauf geachtet werden, dass es gut auf den Ablauf vorbereitet wird und wenn möglich auch in die Vorbereitungen mit einbezogen ist. Der Ablauf und die gesamte Umgebung sind den meisten Kindern unbekannt und fremd. Kleine Kinder können Blumen für den Grabschmuck aussuchen, größerer Bilder malen oder etwas basteln, was in das Grab mitgegeben werden kann. Auch das Bemalen des Sarges wird bereits von vielen Bestattungsunternehmen ermöglicht. Jugendliche können z.B. auch ein Gedicht vortragen. Je besser trauernde Kinder in den Ablauf eingebunden sind, desto sinnhafter kann für sie der Abschied werden und ermöglichen dem Kind das Gefühl für den geliebten Menschen noch etwas tun zu können. Dies hilft ebenso beim Abschied nehmen und schafft Nähe und Verbundenheit.


B&B: „Sind Kinder nicht völlig von der Situation und Umgebung überfordert?“

Auch auf den Gefühlsausdruck der Trauergäste und auf die möglicherweise eigenen auftauchenden Gefühle sollte das Kind in einem Gespräch vorbereitet werden. Die schwarze Kleidung und das ungewohnte Verhalten von Erwachsenen (z.B. weinen) kann sie verunsichern.

Wichtig für Kinder ist, dass eine vertraute erwachsene Person, die selbst nicht zu sehr von der eigenen Trauer betroffen ist, das Kind während des Begräbnisses begleitet und auch für Fragen offen ist und den Bedürfnissen (z.B. hinausgehen, wenn die Anspannung zu groß wird).


B&B: „Kann es Schaden verursachen mein Kind daheim zu lassen?“

Das Begräbnis ist die Möglichkeit offiziell und im Kreise von Verwandten und Bekannten gemeinsam Abschied zu nehmen. Nicht dabei zu sein, ist ein Versäumnis, das nie mehr nachgeholt werden kann. Kinder, die am gesamten Sterbe- und Trauerprozess beteiligt sind, haben die Möglichkeit, aktiv Abschied zu nehmen und ihre Trauer durch Handlungen und Rituale zu verarbeiten.


B&B: „Gibt es dennoch ein zu Jung?“

Nein das gibt es nicht




Tipp:


Es hat nichts mit dem Alter zu tun ob du dein Kind vielleicht besser doch nicht mitnimmst, sondern vielmehr mit seiner Wirkung auf euch.


Ich habe Kinder erlebt, die den gesamten trauernden Raum in verzückte Erwachsenenblicke verwandelt haben, da die püppchenhafte Enkeltochter über die Schulter der Mama mit den Leuten der hinteren Reihen geschäkert hat. Der Grabredner war „abgemeldet“ und mir hat keiner mehr zugehört.


Ich habe Kinder erlebt, die von ihren Eltern freigelassen in der Halle herumgelaufen sind und nicht gerade leise ihre Langeweile in der „doofen dunklen Halle“ auf ihre Weise aufgelockert haben. Dass dabei natürlich keiner sich seiner Trauer mehr widmen konnte, sollte hier wie Folgendes nicht unausgesprochen sein:


Kinder torpedieren (wie selbst bemühteste Eltern wissen) bisweilen Familienfeste oder öffentliche Zusammenkünfte - Ich selbst würde die Frage, ob man ein Kind mit auf ein Begräbnis nehmen soll, mit einer Gegenfrage beantworten: „Hast du mit ihm WERTFREI darüber gesprochen und dein Kind DANACH gefragt, ob es dabei sein will? Was ihm gefallen würde und ob es mit etwas beitragen möchte.“


Wer einem Kind mit: „das wird furchtbar“, „dort werden alle nur weinen“, „das ist kein schönes Erlebnis“ nur Angst macht, projiziert seine eigenen Ängste und Unsicherheit dem Thema gegenüber. Das Kind lernt nun (mangels Alternativen und positiver Erlebnisse) eben daraus und assoziiert: Über Ängste sprechen wir nicht - über Tod spricht man nicht.

Der nächste Erwachsene, der nicht über das Thema sprechen kann wird vorprogrammiert.

Laß es dir nicht nehmen – lass es deine Kinder nicht versäumen aus einem Begräbnis etwas zu machen, an das ihr euch dankbar, liebevoll und tröstlich erinnern wollt.


Mache dich daher zu einem emanzipierten Kunden im Thema Begraben und Bestatten.


Aktuelle Beiträge

Alle ansehen